Add-ons in der Kinderwunschbehandlung: Neue Studie zeigt, was wirklich hilft

Wer sich über eine Kinderwunschbehandlung informiert, stößt früher oder später auf sogenannte Add-ons. Das sind zusätzliche diagnostische oder therapeutische Verfahren, die die Erfolgschancen einer Behandlung erhöhen sollen. Dazu gehören etwa EmbryoGlue, Akupunktur, Kortisongaben oder verschiedene Tests. Viele dieser Verfahren werden in Kinderwunschzentren begleitend angeboten, verursachen zusätzliche Kosten und werfen schon allein deshalb die Frage auf: Bringen Sie tatsächliche nachweisbare Vorteile? Und vor allem: Können sie die Chancen auf die Geburt eines Kindes steigern? Eine gerade veröffentlichte Studie liefert Antworten.

Internationales Forschungsteam mit hohem Qualitätsanspruch liefert zuverlässige Daten

Eine internationale Forschungsgruppe der Universität Melbourne hat die bislang umfassendste Auswertung zu zehn häufig eingesetzten Add-ons bei Kinderwunschbehandlungen vorgenommen. Die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women’s Health veröffentlicht und bieten sowohl Patient:innen als auch Behandler:innen eine verlässliche Orientierung. 

Für die Übersichtsarbeit wertete das Forschungsteam insgesamt 85 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) aus. Das sind Studien, die als Goldstandard gelten, wenn es darum geht, die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen zu erfassen. Das Besondere am Vorgehen der Forschungsgruppe: Sie prüften nicht nur die Ergebnisse der Studien, sondern auch deren wissenschaftliche Vertrauenswürdigkeit. Berücksichtigt wurden ausschließlich prospektiv registrierte Studien, also solche, bei denen die Planung bereits vor Beginn der Behandlung öffentlich dokumentiert wurde und keine schwerwiegenden Zweifel an der Datenqualität oder Studiendurchführung bestanden. 72 potenziell geeignete Studien – und damit fast jede zweite der ursprünglich vorgesehenen – wurden deshalb ausgeschlossen. Es bestanden erhebliche Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. 

Dadurch basiert die Auswertung auf besonders belastbaren Ergebnissen.

Welche Add-ons wurden untersucht?

Die Forschenden analysierten die verfügbare wissenschaftliche Evidenz zu zehn häufig eingesetzten Zusatzbehandlungen:

ADD-ONERLÄUTERUNG
AkupunkturAnwendung der traditionellen chinesischen Medizin mit feinen Nadeln
EmbryoGluespezielles Transfermedium mit Hyaluronsäure zur Unterstützung der Einnistung
Endometrialer Rezeptivitätstests (ERA-Test)Test zur Bestimmung des vermeintlich optimalen Zeitpunkts für den Embryotransfer
Endometriales Scratchingleichte Verletzung der Gebärmutterschleimhaut vor dem Embryotransfer
IntralipidFettemulsion als Infusion zur Beeinflussung des Immunsystems
KortisonMedikamente zur Dämpfung des Immunsystems und entzündlicher Prozesse
PICSIAuswahl reifer Spermien anhand ihrer Bindung an Hyaluronsäure
PRP in die GebärmutterBehandlung der Gebärmutterschleimhaut mit plättchenreichem Eigenblut
PRP in die EierstöckeBehandlung der Eierstöcke mit plättchenreichem Eigenblut

Was bringen Add-ons? Ernüchterndes Fazit

Die wichtigste Botschaft der Studie ist eindeutig und für viele, die große Hoffnung mit der Hinzunahme von Add-ons verbinden, sicher ernüchternd: Für die meisten Zusatzbehandlungen gibt es derzeit keinen überzeugenden Nachweis, dass sie die Chancen auf die Geburt eines Kindes erhöhen.

Ein kleiner möglicher Vorteil zeigte sich lediglich für drei der zehn Verfahren:

  • Die Physiologische Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (PICSI) könnte das Risiko für eine Fehlgeburt reduzieren.
  • Endometriales Scratching könnte die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und einer Lebendgeburt leicht erhöhen.
  • Für EmbryoGlue fanden sich zwar Hinweise auf einen möglichen Nutzen, diese Ergebnisse waren jedoch nicht ausreichend belastbar, um eine klare Empfehlung auszusprechen.

Insgesamt waren die beobachteten Effekte eher gering und sollten laut Forschungsgruppe durch weitere hochwertige Studien überprüft werden. Für mehrere häufig eingesetzte Add-ons konnte kein Nutzen nachgewiesen werden. Bei anderen Verfahren, darunter beispielsweise Akupunktur, Intralipid oder PRP-Behandlungen, reicht die bisherige Studienlage noch nicht aus, um ihre Wirksamkeit zuverlässig beurteilen zu können. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass diese Verfahren wirkungslos sind. Vielmehr fehlen bislang ausreichend hochwertige wissenschaftliche Untersuchungen.

Parallel zur Veröffentlichung der Studie hat die Universität Melbourne die Informationsplattform Evidence-based IVF gestartet, die wissenschaftlich evaluiert wurde. Dort werden die Ergebnisse der Forschung verständlich für Patient:innen aufbereitet und stetig aktualisiert. Zu jedem Add-on gibt es einen kurzen Überblick zu den wichtigsten Erkenntnissen sowie eine ausführliche Erläuterung zum Verfahren, den Kosten und möglichen Risiken und Nebenwirkungen. Damit schafft die Plattform eine wichtige Anlaufstelle für alle Patient:innen, die gesicherte Informationen über Add-ons suchen. Momentan sind die Informationen nur auf Englisch verfügbar. Ein Zugang in anderen Sprachen wäre sehr wünschenswert.

Was bedeuten die Ergebnisse für Patient:innen?

Wer eine reproduktionsmedizinische Behandlung durchläuft, möchte die Erfolgschancen gerne verbessern. Schließlich sind die Belastungen (und Kosten) bereits sehr hoch und geht es um nichts weniger als die weitere Lebensplanung. Die zusätzliche Behandlung mit Add-ons scheint dabei aussichtsreich. In den sozialen Netzwerken und auch im persönlichen Austausch unter Betroffenen werden EmbryoGlue, Kortison und Co. intensiv diskutiert und es kursieren viele unterschiedliche Meinungen über deren Nutzen. Dabei werden persönliche Erfahrungen, Empfehlungen und kommerzielle Interessen nicht selten miteinander vermischt. Schnell kann so bei Patient:innen der Eindruck entstehen, dass Zusatzbehandlungen zum Standard gehören oder ihre Wirksamkeit bereits eindeutig belegt ist.

Die aktuelle Studienlage zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Die meisten Add-ons führen nach heutigem Wissensstand nicht zu höheren Lebendgeburtraten. Nur für wenige Verfahren gibt es überhaupt Hinweise auf einen möglichen Nutzen. Und selbst diese sind begrenzt oder noch nicht eindeutig belegt. Das bedeutet nicht, dass einzelne Maßnahmen im individuellen Fall nicht auch sinnvoll sein können. Wichtig ist aber: Gute Entscheidungen treffen Patient:innen und Ärzt:innen vor allem dann, wenn Behandlungsmethoden auf belastbaren Daten basieren. Gerade deshalb sind unabhängige Informations- und Beratungsangebote sowie vor allem weitere hochwertige Studien so wichtig. Ein die Veröffentlichung der Studienergebnisse flankierender Kommentar resümiert treffend:

IVF does not need more hopeful claims about adjunctive interventions. It needs stronger evidence, better protected from distortion, and translated into language patients can trust.

Übersetzt: „Die Reproduktionsmedizin braucht keine weiteren Versprechen über den Nutzen von Zusatzbehandlungen. Sie braucht stichhaltigere Belege, die unabhängig ermittelt, kritisch geprüft und verständlich für Patient:innen aufbereitet werden.

Barad D: IVF add-ons: evidence, trust, and what patients are told. The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women’s Health, 2026; 2, e575-e577

In diesem Sinne

Herzlich

Dein UIK e. V. 💜💚🤍

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen