UIK im Dialog geht weiter: Am 21. September haben wir uns in einer öffentlichen Online-Veranstaltung mit dem Deutschen IVF-Register (D·I·R) beschäftigt. 25 Teilnehmende waren dabei, als Prof. Dr. Jan-Steffen Krüssel, Reproduktionsmediziner und Vorstandsmitglied des IVF-Registers, erklärte, wie und wozu die Behandlungsdaten von derzeit 144 Kinderwunschzentren erhoben werden. Im Mittelpunkt stand die Frage: Welche Erkenntnisse können Patient:innen aus dem Register für ihre eigene Behandlung gewinnen?
Professor Krüssel gibt Auskunft
Professor Krüssel ist nicht nur Leiter des Kinderwunschzentrums UniKID in Düsseldorf, sondern bringt sich auch in zahlreichen medizinischen Gremien und politischen Diskussionen ein. Als Vorstandsmitglied des Deutschen IVF-Registers (D·I·R) kennt er die Zahlen und Daten rund um reproduktionsmedizinische Behandlungen in Deutschland sehr genau. Schließlich werden in diesem Register die Daten von insgesamt 144 Zentren gesammelt und ausgewertet. Sie ermöglichen einen Überblick über Behandlungsmethoden, Erfolgsraten und Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin. Für Patient:innen können diese Daten deshalb eine wichtige Orientierung während ihrer Behandlungen sein. Genau aus diesem Grund haben wir Herrn Krüssel eingeladen. Er sollte uns erklären, was das IVF-Register genau erfasst und wie wir es für unsere Entscheidungen nutzen können.
2,6 Millionen dokumentierte Behandlungen im IVF-Register seit 1982
Spannend ging es direkt los, als Herr Krüssel uns einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Registers gab. Bereits 1982, also im Jahr der Geburt des ersten mittels IVF gezeugten Kindes in Deutschland, wurde es von Ärzt:innen gegründet. Anlass war das allgemeine Unbehagen in der Öffentlichkeit gegenüber der damals neuen medizinischen Disziplin. „Man wollte Transparenz herstellen und auch Vorurteile gegenüber der jungen Reproduktionsmedizin abbauen”, so Herr Krüssel. Seitdem sammelt das Register, zunächst über Meldebögen und seit 1997 softwaregestützt, die Behandlungsdaten deutscher Reproduktionszentren. Mit insgesamt 2,6 Mio. dokumentierten Behandlungen sind dabei jede Menge Daten zusammengekommen.
Die Daten helfen, Antworten auf Fragen wie diese zu bekommen:
- Wie viele IVFs werden pro Jahr gemacht? Und wie viele ICSIS?
- Wie oft kommt es dadurch zu Schwangerschaften?
- Und wie häufig enden diese Schwangerschaften mit der Geburt eines Kindes?
- Wie verändern sich die Erfolgschancen mit zunehmendem Alter der Patient:innen?
Die Daten sollen nicht nur anderen Mediziner:innen, der Forschung und Fachwelt zur Verfügung stehen, sondern eben auch auch Patient:innen zugänglich gemacht werden. „Letztlich geht es auch darum, dass Sie informierte Entscheidungen treffen”, gab uns Herr Krüssel mit. Neben einer eigenen Sonderausgabe für Patient:innen gibt es seit Neuestem auch einen ReproCheck, der Patient:innen eine Prognose für den Erfolg einer Behandlung geben soll.
Ein ganz klares Votum für den Single-Embryo-Transfer
Mit einem verbreiteten Missverständnis räumte Herr Krüssel dann auch auf: Viele Paare gehen davon aus, dass die Chance auf eine Schwangerschaft steigt, wenn bei einer Behandlung zwei Embryonen gleichzeitig übertragen werden. Was dadurch jedoch vor allem steigt, ist das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft. Bei einem Double-Embryo-Transfer kommt es in rund einem Drittel der Fälle zu einer Mehrlingsschwangerschaft. Wird dagegen nur ein Embryo übertragen, liegt dieses Risiko bei unter zwei Prozent.
Das ist relevant, weil Mehrlingsschwangerschaften immer Risikoschwangerschaften sind. Sie können zu Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen führen und haben ein hohes Risiko, in einer Frühgeburt zu enden. Schwangerschaften nach einem Double-Embryo-Transfer führen tatsächlich dreimal zu häufig zu einer Frühgeburt – auch das zeigt das IVF-Register. Laut den vorgestellten Registerdaten treten Frühgeburten nach einem Double-Embryo-Transfer deutlich häufiger auf.
Hinzu kommt auch: Zwei aufeinanderfolgende Single-Embryo-Transfers führten insgesamt zu mehr Lebendgeburten als ein Double-Embryo-Transfer. Ein Grund dafür, dass sich trotzdem immer noch viele dafür entscheiden, liegt sicher darin, dass die Kosten für eine Kryokonservierung selber getragen werden müssen. Aus Sicht des UIK ein wichtiger Grund für die Politik, zu handeln!
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Deutschen IVF-Register auf einen Blick
- Kinderwunschbehandlungen werden immer erfolgreicher. Im Jahr 2017 betrug die Schwangerschaftsrate pro Embryotransfer noch 26,2%, im Jahr 2024 31,5%.
- Die Schwangerschaftsrate im Kryozyklus lag 2024 erstmals höher als im Frischzyklus. Pro Embryotransfer betrug sie im Frischzyklus 30,4 % und im Kryozyklus 31,5 %.
- Mit steigendem Alter sinkt die Schwangerschafts- und Geburtenrate. Über 40 sinkt die Schwangerschaftsrate auf 17,1 % und die Geburtenrate auf unter 10 Prozent.
- Die Mehrlingsrate nimmt immer weiter ab und liegt unter 10 Prozent. Grund dafür ist, dass sich immer mehr Frauen und Paare für einen Single-Embryo-Transfer entscheiden.
- Reproduktionsmedizin ist sicher! Das Risiko einer Überstimulationen lag 2024 bei 0,2%, für Komplikationen der Eizellentnahme wie z.B. Blutungen bei 0,6%.
Zahlen können Orientierung im Kinderwunsch geben
In der auf die Präsentation von Professor Krüssel folgenden Fragerunde mit den Teilnehmenden der Veranstaltung wurde klar: Patient:innen haben ein großes Interesse an verlässlichen Daten und Informationen. Ja, diese braucht es sogar dringend, wenn man Entscheidungen über die eigene Behandlung trifft. In der heutigen (digitalen) Informationsflut ist es jedoch nicht immer leicht, sich zu orientieren. Auch im persönlichen Gespräch mit den behandelnden Ärzt:innen bleibt für ausführliche Erklärungen aufgrund des Zeitdrucks manchmal nicht genug Raum.
Umso mehr freuen wir uns, dass Herr Krüssel sich die Zeit genommen hat, uns das IVF-Register zu erklären und sich unseren Fragen zu stellen. Und auch als Verein gehen wir motiviert aus dem gemeinsamen Abend. „Ich freue mich sehr, dass es den UIK gibt. Es war lange überfällig, dass die Patient:innen laut werden und ihr Gesicht zeigen”, so Krüssel zum Abschluss.
Herzlich
Dein UIK e. V. 💜💚🤍

