Was genau bedeutet es eigentlich, eine Kinderwunschbehandlung in Anspruch zu nehmen? Klappt das immer und wer hat eigentlich Zugang zu so einer Behandlung? In einem aktuellen Info-Video bei ARTE kommen medizinische Expert:innen und Vertreter:innen von Betroffnenenverbänden aus Frankreich und Deutschland zu Wort – unter anderem unsere Vorsitzende Ulla Gerber. Das ist für uns ein Anlass zur Freude: Nicht nur erhält unser Thema dadurch mediale Aufmerksamkeit, sondern kann unser junger Verein bereits durch Expertise glänzen.
„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jeder jemanden kennt“
Die Zahlen sprechen für sich: Laut Beitrag haben in Deutschland etwa 4 Millionen Menschen Probleme, eine Schwangerschaft zu zeugen. In Frankreich sind es ca. 3,3 Millionen. Fast jede*r kennt also jemanden, der betroffen ist, wie Ulla Gerber betont. Umso dringlicher ist es, die Gründe und Rahmenbedingungen von Kinderwunschbehandlungen aus der Tabuzone zu holen. Das ARTE-Video trägt dazu bei, indem es gängige Vorurteile über assistierte Befruchtung entkräftet. In dichter Form, mit vielen Perspekiven, ansprechenden und realistischen Bildern und sogar einem kleinen historischen Abriss werden wichtige Fakten präsentiert. Uns gefällt der Verzicht auf Klischees besonders gut.
Was Kinderwunschbehandlungen für Frauen bedeuten
Klapperstorch Fehlanzeige. Der Beitrag macht deutlich, dass im Zentrum der Behandlungen vor allem der weibliche Körper steht – und dennoch ausgeblendet wird. Informationsbroschüren in den Kliniken verraten wenig über Begleiterscheinungen der hormonellen Stimulation, wie Schmerzen oder Hämatome. Der Aufwand für eine Behandlung ist zudem enorm, gerade für Frauen, die den Großteil der ärztlichen Termine wahrnehmen und in ihren Alltag einbetten müssen, gibt Ulla Gerber zu bedenken. Zugleich ist Unfruchtbarkeit kein Frauenthema: Auch Männer sind betroffen und leiden ebenso unter dem gesellschaftlichen Stigma.
Enge gesetzliche Rahmenbedingungen: Kein Zugang für alle
Im Vergleich zu Frankreich schneidet Deutschland schlechter ab: Hier gibt es eine staatliche Förderung für die Kinderwunschbehandlungen nur für heterosexuelle verheiratete Paare in einer begrenzten Altersgruppe. Das schließt viele Menschen und moderne Familienmodelle von vornherein aus. Frankreich zeigt, dass es auch anders geht: Bis zu vier IVF/ICS-Behandlungen werden dort laut Video vollständig vom Staat übernommen, auch für alleinstehende und lesbische Frauen, und bis zu einem Alter von 43 Jahren. Eine Konsequenz: Die Zahl der Behandlungen hat sich in Frankreich in den letzten Jahren verachtfacht – ein Hinweis darauf, wie viel der Zugang zur Behandlung mit politischem Willen und finanzieller Unterstützung zu tun hat.
Reproduktionsmedizin in Deutschland braucht Reformen
Aus unserer Sicht verdeutlicht der Beitrag, dass wir dringend mehr Aufklärung über die Herausforderungen und Hürden für Patient:innen der Reproduktionsmedizin brauchen. Wir wünschen uns zudem, dass Behandlungen in Deutschland besser zugänglich gemacht und die veralteten gesetzlichen Regelungen neu zur Debatte gestellt werden – dazu zählt auch die von der Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin ausgesprochene Empfehlung zur Legalisierung der Eizellspende. Gleichzeitig sollten wir mehr über die emotionalen und körperlichen Belastungen von Kinderwunschbehandlungen sprechen, denn viele Betroffene bewältigen diese im Stillen. Das wissen wir aus eigener Erfahrung.
Vom Bildschirm in die Gesellschaft – wir kämpfen weiter
Das ganze Video von Loreline Merelle ist in der ARTE-Mediathek verfügbar. Wir empfehlen es sehr – vor allem auch Außenstehenden, für die die Welt der Reproduktionsmedizin häufig verschlossen ist. Es braucht solche ungeschönten Einblicke, um die Erlebnisse Betroffener greifbar zu machen. Die Sichtbarkeit des Themas und unseres Vereins im Video ist ein guter Anfang. Für echte Veränderung wollen wir mehr: mehr politischen Druck, mehr öffentliche Diskussionen, mehr Unterstützung für Betroffene. Dafür machen wir weiter. Machst du mit?
Dein UIK

